banner_johannesplatz

Eine neue Kirche entsteht

Nach einem Artikel von Georg Brust†

Mehrere Jahrhunderte lang – seit der Einführung der Reformation im Jahre 1526 – war die Stadtkirche die einzige evangelische Gemeindekirche in Darmstadt. Zuvor war das Gotteshaus eine Marienkirche "Unser Lieben Frau". In der im Jahre 1885 eingeweihten Martinskirche erhielt Darmstadt eine zweite evangelische Gemeindekirche, deren Namen sich auf den gesamten Stadtbezirk übertrug: Martinsviertel. Als 1888 das bis dahin selbständige Bessungen eingemeindet wurde, hatte Darmstadt in der altehrwürdigen Bessunger Kirche – deren Vorläuferin 1002 im Lorscher Codex erstmals erwähnt wurde – seine dritte evangelische Gemeindekirche, die im Mittelalter Johannes dem Täufer geweiht war.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert gingen die Bestrebungen dahin, weitere überschaubare Gemeinden zu bilden. Zunächst sollte der Nordwesten der Stadt bedacht werden. Der neue Gemeindebezirk war in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts durch Kommerzienrat Heinrich Blumenthal als Baugebiet erschlossen worden, seine Bebauung war um die Jahr-hundertwende im Wesentlichen abgeschlossen. 1892 wurde die Johannesgemeinde gegründet.

Für die zu bauende neue Kirche wurden verschiedene Plätze als Standort bedacht: der Schloßgarten, der Marienplatz, die südwestliche Ecke Liebigstraße/Kahlertstraße und der Wilhelmsplatz (heute Johannesplatz). Letztlich fiel die Wahl auf den Wilhelmsplatz, obwohl an der Ecke Liebigstraße/Kahlertstraße bereits ein großer Geländekomplex angekauft war. Nach der Erbauung der Johanneskirche übertrug sich ihr Name auf den bisher als "Blumenthal-Viertel" bekannten Stadtbezirk. Fortan sprach und spricht man vom "Johannes-Viertel".

Nachdem zunächst der beabsichtigte Kirchenbau von dem zu diesem Zweck gegründeten Kirchbauverein betrieben worden war, übernahm am 1. April 1890 die finanziell selbst-ständig gewordene Kirchengemeinde dafür die Verantwortung und trat in der Folgezeit als Bauherr auf.

Der Kirchbauverein beschloss die Namensgebung für das neue Gotteshaus und übernahm dafür die Patenstelle. In seinen Statuten legte der Verein als seine Aufgabe u.a. fest: "die tätige Mitwirkung bei der Erbauung einer Kirche im nordwestlichen Stadtviertel... insbesondere bei der inneren Ausstattung und der Beschaffung der Mittel hierzu, soweit nicht der Kirchen-vorstand die Mittel beschafft und den Bauherrn stellt".

Bereits im Jahre 1887 war ein Planungsauftrag an den an der TH München tätigen Professor Freiherr H. von Schmidt erteilt worden. Seine Baupläne waren Ende 1888 in der Großherzoglichen Gemäldegalerie ausgestellt. An Schmidts Stelle trat später der Architekt K. Schwartze, der auch den Auftrag zur Bauausführung auf dem als Bauplatz vorgesehenen Wilhelmsplatz erhielt.

Der erste Spatenstich erfolgte am 28. Juni 1892. Die Feier der Grundsteinlegung fand am 18. Oktober des gleichen Jahres in Anwesenheit des Großherzogs Ernst-Ludwig statt. Der Grundstein liegt am Triumphbogen unter der Kanzel. Innerhalb von zwei Jahren war der Neubau vollendet. Laut Bauauftrag sollte eine Predigtkirche im neugotischen Stil mit etwa 1000 Sitzplätzen und einem weithin sichtbaren Turm entstehen. Diesem Auftrag ist der Erbauer der Kirche K. Schwartze in jeder Weise gerecht geworden. Das Kirchenschiff hat 

  • eine Länge von 30,6 m,
  • eine Breite von 19 m,
  • eine Höhe von 15 m.

Die Turmhöhe beträgt 60,5 m.

Am Reformationstag 1894 konnte die feierliche Einweihung begangen werden. 

Ursprünglich fanden im Kirchenschiff 1000 Besucher Platz, weitere 300 Plätze standen auf der Empore zur Verfügung. Die Kirche war im Ganzen sehr einfach gehalten. Auf Wandmalereien wurde völlig verzichtet. Ein besonderer Schmuck waren jedoch die Glasfenster. Sie zeigten Darstellungen aus der hessischen Kirchengeschichte, etwa ab der Zeit Landgraf Philipp des Großmütigen. Eine Reihe von Darstellungen aus dem Leben Jesu fanden ihren Abschluss und Höhepunkt in den Fenstern des Chorraumes. Die Kirche unterlag jahrelang keinen Verände-rungen. In den Nachkriegsjahren des Ersten Weltkrieges wurde lediglich die Beleuchtung von Gas auf Strom umgestellt.

Eine weitere Veränderung erfuhr die Kirche am 20. November 1921. Gegenüber der Kanzel wurde das von Professor Robert Cauer d.J. gestaltete Denkmal "Trauernder Jüngling" für die gefallenen, verstorbenen oder vermissten Gemeindemitglieder des Ersten Weltkrieges aufgestellt. Danach behielt die Kirche im Innenraum ihr Aussehen bis zur Zerstörung in der Brandnacht vom 11. auf den 12. September 1944. Wie weite Teile der Darmstädter Innenstadt auch, brannte das Kirchenschiff bis auf die Grundmauern nieder. Die Inschrift auf dem Sockel des Cauer-Denkmals: "Demütiget euch unter die gewaltige Hand Gottes, daß er euch erhöhe zu seiner Zeit!" hat damals großen Eindruck auf die Gemeinde gemacht. Lediglich der Glockenturm blieb nahezu unversehrt. Die Glocken selbst waren schon zu Beginn des Krieges abgenommen und als kriegswichtiges Material eingezogen worden. Das Einschmelzen blieb den vier Glocken jedoch erspart, sodass sie nach Kriegsende gemeinsam mit Glocken anderer Darmstädter Kirchen unversehrt "nach Hause" geholt werden konnten.